Nutzt ChatGPT eigentlich Google? Woher die Antworten wirklich kommen
Die Empfehlung, für Bing zu optimieren, damit man in ChatGPT auftaucht, hält sich hartnäckig. Sie stimmt nicht mehr. Was heute hinter den Antworten steckt und was das für deine Arbeit bedeutet.
Es gibt einen Ratschlag, der sich seit zwei Jahren durch Fachbeiträge und Vorträge zieht: Wenn du in ChatGPT auftauchen willst, kümmere dich um Bing. ChatGPT laufe schliesslich auf der Suchmaschine von Microsoft.
Der Rat war einmal richtig. Heute führt er in die Irre, noch dazu auf eine Weise, die Arbeit kostet.
Wie es angefangen hat
Als ChatGPT anfing, im Netz nachzuschlagen statt nur aus dem Gelernten zu antworten, brauchte OpenAI eine Quelle für aktuelle Ergebnisse. Der naheliegende Weg führte über eine bestehende Suchmaschine. Die Verbindung zu Microsoft war damals eng.
Aus dieser Zeit stammt der Ratschlag. Er beruhte auf einer korrekten Beobachtung: Was bei Bing gut lief, tauchte auffällig oft in ChatGPT-Antworten auf.
Was sich seither geändert hat
OpenAI baut einen eigenen Index. Das ist keine Vermutung. Im Kartellverfahren gegen Google sagte ein OpenAI-Verantwortlicher im Frühjahr 2025 aus, dass das Unternehmen daran arbeitet. Inzwischen bestätigt OpenAI die Existenz dieses Webindex auch in der eigenen Dokumentation.
Gefüllt wird er von einem eigenen Roboter, dem OAI-SearchBot. Dazu kommen Partner, die nicht offengelegt sind.
Die Folge lässt sich messen. Die Übereinstimmung der von ChatGPT zitierten Adressen mit Bing-Ergebnissen ist bis Mitte 2025 auf rund 8 Prozent gefallen. Wer heute Zeit in Bing steckt, um in ChatGPT vorzukommen, arbeitet an der falschen Stelle.
Der Befund, der mehr verändert
Es gibt eine zweite Zahl, die noch wichtiger ist. Nur etwa 10 Prozent der von ChatGPT zitierten Adressen stehen in Googles ersten zehn Ergebnissen.
Lies den Satz zweimal. Neun von zehn Quellen, die ChatGPT nennt, stehen bei Google nicht auf der ersten Seite.
Das erklärt eine Erfahrung, die mir in Gesprächen häufig begegnet. Jemand rankt bei einem wichtigen Begriff auf Platz eins, fragt ChatGPT dasselbe und kommt in der Antwort nicht vor. Das fühlt sich nach einem Fehler an. Es ist keiner. Es sind zwei verschiedene Auswahlprozesse.
Diesen Punkt habe ich vor einigen Wochen schon einmal beschrieben, damals als Beobachtung aus der Praxis. Nachzulesen unter Platz eins bei Google, trotzdem unsichtbar für ChatGPT. Inzwischen gibt es Zahlen dazu. Sie fallen deutlicher aus, als ich erwartet hätte.
Warum die Auswahl anders ausfällt
Eine Suchmaschine stellt eine Liste zusammen. Sie darf zehn Plätze vergeben und optimiert darauf, dass für jeden Geschmack etwas dabei ist.
Ein KI-System schreibt einen Text. Es braucht Belege für einzelne Aussagen. Gesucht wird also weniger die beste Seite zum Thema als die Passage, die genau diesen einen Satz stützt.
Das begünstigt andere Inhalte. Eine Seite, die eine einzelne Frage klar und knapp beantwortet, ist als Beleg brauchbarer als eine umfassende Übersichtsseite, in der die Antwort irgendwo im vierten Abschnitt steht.
Das ist der Grund, warum in KI-Antworten regelmässig Quellen auftauchen, die man in der Trefferliste nie gesehen hätte.
Was mit den anderen Systemen ist
Wenn ChatGPT einen eigenen Index betreibt, liegt die Frage nahe, wie es bei den übrigen aussieht. Kurz sortiert:
Google speist seine KI-Antworten aus dem eigenen Suchindex. Hier hängen Trefferliste und KI-Antwort tatsächlich zusammen, wenn auch nicht deckungsgleich. Wer bei Google gar nicht indexiert ist, kommt auch in den AI Overviews nicht vor.
Perplexity kombiniert eigene Abrufe mit externen Quellen und zeigt seine Quellen sehr sichtbar an. Von allen Systemen ist es dasjenige, bei dem Zitate am ehesten zu Besuchen führen.
Claude von Anthropic greift für die Websuche ebenfalls auf einen eigenen Abrufweg zurück.
Das Muster ist überall dasselbe. Jedes System baut sich seinen eigenen Zugang zum Netz. Die Überschneidungen zwischen ihnen sind kleiner, als man annimmt. Wie klein, habe ich in Jede KI zitiert andere Quellen beschrieben.
Für dich heisst das vor allem eines: Es gibt keinen einzelnen Kanal, den du bedienen kannst, um überall vorzukommen.
Was das für deine Arbeit heisst
Aus dem Befund folgt keine neue Disziplin. Es folgen drei Verschiebungen.
Hör auf, Bing als Umweg zu behandeln. Ein gepflegtes Bing-Webmaster-Konto schadet nicht, es ist aber kein Hebel für ChatGPT mehr.
Betrachte das Google-Ranking als Nebenbedingung. Es ist nützlich, weil es zeigt, dass deine Seite technisch sauber und inhaltlich brauchbar ist. Als Ziel taugt es für diese Frage nicht.
Schreib in beantwortbaren Einheiten. Eine Frage, ein Abschnitt, eine klare Antwort im ersten oder zweiten Satz. Das ist die Form, die sich zitieren lässt, ohne dass ein System raten muss.
Was das für die Messung bedeutet
Aus der Trennung folgt auch, dass die gewohnten Werkzeuge nur noch die halbe Geschichte erzählen.
Die Google Search Console zeigt dir Anzeigen und Klicks aus der Google-Suche. Über ChatGPT sagt sie nichts, weil ChatGPT nicht über Google läuft. Was sie zeigen kann, ist der Rückgang bei Anfragen, zu denen inzwischen eine KI-Antwort erscheint. Wie du das dort abliest, steht in Traffic-Verlust durch KI-Antworten in der Search Console messen.
Für die andere Seite brauchst du zwei zusätzliche Blicke. Erstens die Serverlogs, in denen die Suchroboter mit Namen auftauchen. Wenn dort kein OAI-SearchBot vorbeikommt, hat deine Seite ein Erreichbarkeitsproblem und kein Inhaltsproblem.
Zweitens die Antworten selbst. Stell regelmässig dieselben Fragen und notiere, ob du genannt wirst. Das ist mühsam und es ist die einzige verlässliche Art, diese Seite zu beobachten.
Wichtig dabei: immer dieselben Fragen, immer dasselbe System, immer notiert. Sonst misst du deine Erinnerung statt eine Entwicklung.
Was trotzdem unverändert gilt
Dieser Beitrag könnte so klingen, als sei klassische Suchmaschinenarbeit überflüssig geworden. Das Gegenteil stimmt.
Die KI schöpft aus demselben Netz. Was eine Suchmaschine nicht lesen, laden und einordnen kann, taucht auch in keiner KI-Antwort auf. Ladezeiten, saubere Überschriften, erreichbare Seiten, verständliche Sprache: All das arbeitet weiterhin, nur eben für zwei Empfänger statt für einen. Die Arbeit bleibt, ihre Reichweite wächst.
Deshalb halte ich die Formulierung «SEO ist tot» für falsch. Sie ist ausserdem teuer. Wer sie glaubt, baut auf einem Fundament weiter, das er nicht mehr pflegt. Mehr dazu in Ist SEO 2026 tot.
Der Prüfschritt, den du selbst machen kannst
Nimm eine Frage, die deine Kundschaft dir wirklich stellt. Stell sie ChatGPT und lies, welche Quellen genannt werden.
Dann gib dieselbe Frage bei Google ein und vergleiche die ersten zehn Ergebnisse mit den genannten Quellen.
Bei den meisten Themen überschneidet sich erstaunlich wenig. Diese Übung ist die schnellste Art, das Gefühl zu bekommen, um das es hier geht. Sie dauert fünf Minuten und ersetzt eine Stunde Erklärung.
Ein häufiger Einwand aus der Praxis
An dieser Stelle kommt in Gesprächen fast immer derselbe Satz: «Dann kann ich das ja gar nicht beeinflussen.»
Das stimmt für die Auswahl selbst. Kein Anbieter legt offen, nach welchen Regeln eine Quelle in eine Antwort kommt. Niemand sollte behaupten, er kenne sie.
Beeinflussbar sind trotzdem drei Dinge. Klein sind sie nicht.
Erreichbarkeit. Ob die Suchroboter deine Seite laden dürfen und ob sie dabei etwas vorfinden.
Zitierfähigkeit. Ob deine Aussagen so formuliert sind, dass sie sich als Beleg verwenden lassen. Eine Zahl mit Quelle, ein klarer Satz, ein benannter Zeitraum.
Bestätigung von aussen. Ob dieselbe Aussage auch anderswo auftaucht, idealerweise mit deinem Namen daneben.
Das ist weniger als Kontrolle und deutlich mehr als nichts. Wer diese drei Punkte sauber hat, ist an jeder Stelle im Rennen, an der überhaupt jemand ins Rennen kommen kann.
Was daraus bleibt
Die Systeme haben sich getrennt. Sie schöpfen aus demselben Netz und wählen daraus unterschiedlich aus.
Für dich heisst das nicht doppelte Arbeit. Es heisst, dass du dieselbe Arbeit an einer Stelle konsequenter machst als früher: klar sagen, was du meinst, in Abschnitten, die für sich stehen können.
Das nützt der Suchmaschine, dem KI-System und den Menschen, die es lesen. Diese drei wollen an dieser Stelle dasselbe.
