Das stärkste Signal liegt auf YouTube. Vor die Kamera musst du trotzdem nicht
In der grössten verfügbaren Auswertung hängen YouTube-Erwähnungen stärker mit Sichtbarkeit in KI-Antworten zusammen als jedes andere Signal. Für Menschen, die lieber schreiben, ist das unbequem und lösbar.
Manchmal liefert eine Auswertung ein Ergebnis, das man lieber nicht hätte. So ging es mir mit dieser.
Ahrefs hat über 75 000 Marken hinweg gemessen, welche Signale am stärksten mit Sichtbarkeit in KI-Antworten zusammenhängen. Über ChatGPT, Google AI Mode und die AI Overviews hinweg. Ganz oben steht nicht die Website, nicht der Backlink, nicht das Suchvolumen.
Ganz oben steht die Erwähnung auf YouTube, mit einer Korrelation von rund 0,737.
Zum Vergleich: Web-Erwähnungen kommen auf 0,664, Backlinks auf 0,218.
Warum mich das erst geärgert hat
Ich arbeite mit Menschen, die schreiben. Beratende, Coaches, Fachleute, die ihre Gedanken lieber ordnen als sie zu improvisieren. Für dieses Publikum ist «geh auf YouTube» ungefähr der unattraktivste Ratschlag, den es gibt.
Dazu kommt, dass er nach dem Muster klingt, das ich sonst kritisiere. Neue Plattform, neuer Hebel, alle rennen los.
Deshalb habe ich mir die Auswertung genauer angesehen. Was dabei herauskam, macht die Sache brauchbarer, als sie zuerst aussah.
Der Unterschied, der alles ändert
Gemessen wurde die Erwähnung auf YouTube. Nicht der eigene Kanal. Nicht die Abonnentenzahl. Nicht die Anzahl hochgeladener Videos.
Erwähnt wirst du, wenn jemand deinen Namen in einem Video nennt, in den Titel schreibt, in die Beschreibung setzt oder wenn er im Transkript auftaucht. Ob du das Video gemacht hast, ist für diese Messung unerheblich.
Das verschiebt die Aufgabe von «produzieren» zu «vorkommen». Vorkommen ist deutlich leichter, als selbst zu senden.
Warum ausgerechnet YouTube so schwer wiegt
Dafür gibt es zwei nachvollziehbare Gründe.
Der erste ist technisch. YouTube-Videos haben Transkripte, Titel, Beschreibungen und Kommentare. Das ist eine grosse Menge Text, die einem gesprochenen Inhalt anhängt. Für ein System, das Text verarbeitet, ist ein Video also gar kein Video. Es ist eine gut ausgezeichnete Seite mit viel Sprache darauf.
Der zweite ist inhaltlich. Auf YouTube wird empfohlen. Menschen sprechen dort über Werkzeuge, Anbieter und Erfahrungen, oft ausführlicher als in einem geschriebenen Beitrag. Genau solche Passagen sind für eine Empfehlungsfrage brauchbar.
Die Einschränkung gehört dazu
Ahrefs schreibt selbst dazu, dass es sich um eine Korrelation handelt.
Das ist mehr als eine Formalität. Marken mit hoher Sichtbarkeit in KI-Antworten sind meist auf vielen Plattformen präsent. Sie werden auf YouTube erwähnt, weil sie bekannt sind. Ob die Erwähnung die Sichtbarkeit erzeugt oder ob beides aus derselben Bekanntheit folgt, sagt die Auswertung nicht.
Wer daraus «leg einen Kanal an und du wirst zitiert» macht, geht über die Daten hinaus. Ich halte den Befund trotzdem für handlungsleitend, weil er eine Richtung zeigt: Dein Name muss an Orten auftauchen, die nicht dir gehören.
Fünf Wege, ohne selbst zu produzieren
Ein Podcast mit Videofassung. Viele Podcasts veröffentlichen ihre Folgen zusätzlich auf YouTube. Du sprichst eine Stunde über dein Thema, jemand anderes schneidet, lädt hoch und schreibt die Beschreibung. Dein Name steht im Titel.
Ein Vortrag, den die Veranstaltung aufzeichnet. Verbände, Fachtagungen und Meetups stellen Aufzeichnungen regelmässig online. Frag beim nächsten Auftritt, ob eine Aufzeichnung geplant ist und ob dein Name in die Beschreibung kommt.
Ein Interview. Kürzer als ein Podcast, oft in einem bestehenden Kanal einer Fachredaktion.
Eine Erwähnung in fremden Videos. Wer als Quelle taugt, wird zitiert. Das passiert eher, wenn deine Inhalte klar zitierfähig sind. Was das heisst, steht in Zitierfähig schreiben.
Ein Webinar, das ohnehin stattfindet. Wenn du sowieso einen Online-Workshop gibst, kostet der Upload danach zwanzig Minuten. Transkript und Beschreibung nicht vergessen, dort steckt der Text.
Was die Zahl nicht sagt
Damit du die Auswertung richtig einordnest, drei Grenzen.
Sie misst Marken, nicht Personen. Untersucht wurden 75 000 Marken. Ob dasselbe Muster für eine Einzelperson gilt, die unter ihrem Namen berät, sagt die Auswertung nicht. Plausibel ist es, belegt nicht.
Sie misst Erwähnungen, nicht Aufrufe. Ein Video mit dreihundert Aufrufen, in dem dein Name im Titel steht, zählt für diese Messung wie eines mit dreissigtausend. Reichweite und Erwähnung sind zwei verschiedene Dinge.
Sie sagt nichts über den Aufwand. Ein hoher Zusammenhang bedeutet nicht, dass der Weg dorthin günstig ist. Für die meisten Selbstständigen ist ein Fachbeitrag schneller geschrieben als ein Video produziert.
Ich nenne diese Grenzen, weil dieselbe Zahl gerade durch viele Beiträge geht, meist ohne sie. Wer eine Korrelation als Handlungsanweisung verkauft, verkauft mehr, als er hat.
Warum der Befund trotzdem etwas ändert
Wenn so viele Einschränkungen dazugehören, warum schreibe ich dann darüber?
Weil er in dieselbe Richtung zeigt wie alles andere, was in diesem Feld gemessen wird. Web-Erwähnungen liegen bei 0,664, Backlinks bei 0,218. Marken-Suchvolumen und Marken-Ankertexte liegen ebenfalls über den technischen Werten.
Das Muster dahinter ist stabil. Unbequem ist es auch: Die stärksten Signale liegen ausserhalb deiner Website. Du kannst an deiner Seite arbeiten, so viel du willst. Was am schwersten wiegt, entsteht dort, wo andere über dich sprechen.
YouTube ist in diesem Bild kein neuer Hebel. Es ist die Stelle, an der Sprechen über andere Menschen besonders ausführlich und besonders gut auffindbar stattfindet.
Falls du doch selbst etwas machst
Für den Fall, dass du dich dazu entschliesst, zwei Hinweise, die den Aufwand klein halten.
Aufwendige Produktion ist nicht nötig. Was zählt, ist Sprache: eine klare Frage im Titel, eine klare Antwort im Video, ein sauberes Transkript und eine Beschreibung, die den Inhalt in ganzen Sätzen zusammenfasst.
Eine Serie brauchst du ebenfalls nicht. Fünf Videos, die je eine echte Frage deiner Kundschaft beantworten, sind für diesen Zweck nützlicher als vierzig Beiträge zu allem.
Ein Weg, den ich selbst gehe
Damit das nicht nach Ratschlag von aussen klingt: Ich stehe vor derselben Frage.
Mein Feld ist das Schreiben. Ein eigener Kanal wäre für mich ein grosser Umweg mit ungewissem Ertrag. Was ich stattdessen tue, ist zusagen, wenn jemand fragt.
Ein Vortrag, der aufgezeichnet wird. Ein Gespräch in einer fremden Runde. Ein Workshop bei einer anderen Community, bei dem ich vorher frage, ob eine Aufzeichnung geplant ist. Das kostet mich einen Abend und es hinterlässt eine Spur an einem Ort, der mir nicht gehört.
Ob das für die Sichtbarkeit in KI-Antworten reicht, weiss ich noch nicht. Ich messe es mit und schreibe darüber, sobald ich etwas Belastbares sagen kann.
Bis dahin halte ich es für den vernünftigsten Kompromiss zwischen den Daten und dem, was jemand durchhält, der eigentlich lieber schreibt.
Wo Video für Beratende wirklich passt
Drei Formate, bei denen das Verhältnis von Aufwand zu Wirkung für unsere Art zu arbeiten stimmt.
Das Erklärstück zu einer wiederkehrenden Frage. Wenn du dieselbe Sache im Erstgespräch zum zwanzigsten Mal erklärst, ist sie ein Video wert. Du kannst sie ohnehin auswendig, es braucht kein Skript.
Die Aufzeichnung einer Sache, die stattfindet. Ein Workshop, ein Vortrag, ein Webinar. Der Inhalt existiert, es kommt nur der Upload dazu.
Das Gespräch zu zweit. Für viele, die ungern in eine Kamera sprechen, ist ein Gegenüber die Rettung. Ein Gespräch mit einer Kollegin über ein Fachthema ist leichter als ein Monolog und für Zuschauende meist interessanter.
Was ich nicht empfehle: kurze Clips für Reichweite. Sie erzeugen Aufmerksamkeit ohne Substanz. Bezahlt wirst du für die Substanz.
Was ich davon halte
Ich bleibe bei meiner Haltung, dass Tiefe mehr trägt als Frequenz. Dieser Befund widerspricht dem nicht, er verlegt die Tiefe an einen anderen Ort.
Wenn du dieses Jahr eine Sache aus diesem Beitrag umsetzt, dann diese: Sag beim nächsten Podcast zu, der dich anfragt. Frag vorher, ob die Folge auch als Video erscheint. Das ist ein Nachmittag, es braucht keine neue Infrastruktur und es bedient genau das Signal, das hier oben steht.
Für ein Publikum, das lieber schreibt, ist das der Weg mit dem besten Verhältnis von Unbehagen zu Wirkung. Wer noch weiter überlegt, wie sich Sichtbarkeit ohne Selbstdarstellung aufbauen lässt, findet dazu Gedanken in Content-Strategie für introvertierte Selbstständige.
