1166 Tage oder 13 Wochen? Zwei Zahlen, die sich zu widersprechen scheinen
Die eine Messung sagt, KI-Systeme zitieren Inhalte, die im Schnitt über drei Jahre alt sind. Die andere sagt, die Hälfte aller Zitate stamme aus Inhalten unter dreizehn Wochen. Beides stimmt, wobei die Auflösung lehrreicher ist als jede der beiden Zahlen.
Zwei Zahlen aus demselben Feld, beide aus dem laufenden Jahr, beide mit Quelle.
Die erste: Ahrefs hat knapp 17 Millionen zitierte Adressen ausgewertet. Das Durchschnittsalter der von Perplexity zitierten Inhalte liegt bei 1166 Tagen, über alle KI-Assistenten hinweg bei 1064 Tagen. Also über drei Jahre.
Die zweite: Etwa die Hälfte aller KI-Zitate stammt aus Inhalten, die weniger als dreizehn Wochen alt sind. Eine Auswertung von Profound über 240 Millionen Zitate nennt eine mediane Halbwertszeit der zitierten Quellen von rund viereinhalb Wochen.
Drei Jahre gegen dreizehn Wochen. Das kann nicht beides einfach so stimmen.
Doch, es kann. Wie es das kann, ist nützlicher als jede der beiden Zahlen.
Auflösung eins: Durchschnitt ist nicht Median
Ein Durchschnitt von 1166 Tagen bedeutet nicht, dass typische zitierte Inhalte drei Jahre alt sind.
Stell dir zehn zitierte Seiten vor. Neun davon sind zwei Monate alt, eine ist zwölf Jahre alt. Der Durchschnitt liegt bei über anderthalb Jahren, obwohl neun von zehn ganz frisch sind.
Genau diese Verteilung ist im Netz die Regel. Es gibt sehr viele neue Seiten und einige wenige sehr alte, die dauerhaft zitiert werden: Nachschlagewerke, Behördenseiten, Grundlagentexte. Diese wenigen ziehen den Durchschnitt weit nach oben.
Der Median, also der Wert in der Mitte, liegt deshalb erheblich niedriger als der Durchschnitt. Beide Angaben können nebeneinander stehen, ohne sich zu widersprechen.
Auflösung zwei: Es wird Verschiedenes gemessen
Der zweite Punkt ist noch wichtiger. Er wird fast überall übersehen.
Ahrefs misst das Alter des Inhalts. Wann wurde die zitierte Seite veröffentlicht oder zuletzt bearbeitet? Das ist eine Aussage über die Inhalte.
Profound misst die Beständigkeit der Auswahl. Welche Quellen werden zu derselben Frage nächsten Monat noch genannt? Dort geht es um Wechsel, nicht um Alter. Die Auswertung nennt, dass sich 40 bis 60 Prozent der zitierten Domains von Monat zu Monat ändern und 70 bis 90 Prozent über sechs Monate.
Das sind zwei völlig verschiedene Grössen. Die eine sagt, wie alt das Zitierte ist. Die andere sagt, wie oft die Auswahl wechselt. Eine sehr alte Seite kann monatelang stabil zitiert werden, eine sehr junge kann nach zwei Wochen wieder verschwinden.
Wer beide Zahlen als Aussage über dasselbe liest, kommt zwangsläufig in Widerspruch.
Warum das ständig passiert
Solche Verwechslungen sind in diesem Feld keine Ausnahme. Dafür gibt es einen strukturellen Grund.
Fast alle Messungen stammen von Unternehmen, die Werkzeuge oder Dienstleistungen für Sichtbarkeit verkaufen. Das macht sie nicht falsch, ihre Daten sind oft die einzigen verfügbaren. Es beeinflusst aber, welche Zahl in die Überschrift wandert.
Wer ein Werkzeug zur laufenden Überwachung verkauft, hebt die Wechselrate hervor. Wer für gründliche Inhalte wirbt, hebt das hohe Durchschnittsalter hervor. Beide zitieren korrekt und erzählen entgegengesetzte Geschichten.
Dazwischen steht jemand, der einfach wissen will, ob sich das Aktualisieren lohnt.
Die drei Fragen, die das auflösen
Ich prüfe inzwischen jede Zahl in diesem Feld mit denselben drei Fragen.
Wer hat gemessen und wann? Ohne Quelle und Datum ist es eine Meinung. Eine Zahl aus dem Frühjahr 2025 beschreibt in diesem Feld eine andere Welt.
Wie gross war die Stichprobe und woraus bestand sie? Hundert Anfragen sind etwas anderes als siebzehn Millionen. Eine Auswertung über amerikanische Software sagt ausserdem wenig über Beratung in der Schweiz.
Was genau wurde gezählt? Das ist die Frage, die am meisten bringt und am seltensten gestellt wird. Alter des Inhalts oder Wechsel der Quelle? Nennung des Namens oder Verlinkung der Seite? Durchschnitt oder Median?
Wer diese drei Fragen stellt, sortiert die Hälfte der kursierenden Behauptungen aus, ohne Fachwissen zu brauchen. Dieselben Fragen helfen übrigens bei der Auswahl einer Zusammenarbeit, wie ich in Woran du einen guten GEO-Experten erkennst beschrieben habe.
Ein drittes Missverständnis, das dazugehört
Neben Durchschnitt gegen Median und Alter gegen Wechsel gibt es eine dritte Verwechslung, die in diesem Feld ständig vorkommt.
Sie betrifft den Unterschied zwischen zitiert werden und genannt werden.
Manche Auswertungen zählen, wie oft eine Seite als Quelle unter einer Antwort auftaucht. Andere zählen, wie oft ein Markenname im Text der Antwort selbst vorkommt. Das sind zwei verschiedene Ereignisse, die häufig getrennt auftreten. Eine Seite kann verlinkt sein, ohne dass der Name fällt. Ein Name kann fallen, ohne dass verlinkt wird.
Wer diese beiden Zählweisen vermischt, kommt zu Zahlen, die sich wieder scheinbar widersprechen. Ausführlich habe ich das in Ghost Citations beschrieben.
Damit hast du drei Fragen, die fast jeden Widerspruch in diesem Feld auflösen: Durchschnitt oder Median, Alter oder Wechsel, Zitat oder Nennung.
Warum ich das für die wichtigere Fähigkeit halte
Es gibt in diesem Feld gerade sehr viele Zahlen und sehr wenig Prüfung.
Das liegt daran, dass alles neu ist und niemand über Jahre gewachsene Erfahrungswerte hat. In eine solche Lücke fliessen Behauptungen schnell hinein, weil sie plausibel klingen und niemand widerspricht.
Für dich als Beratende hat das eine unangenehme Folge. Du wirst mit Zahlen konfrontiert, die dir jemand als Handlungsgrundlage verkauft. Prüfen kannst du sie nicht ohne Weiteres.
Die drei Fragen oben ersetzen das Fachwissen, das du dafür bräuchtest. Sie kosten dreissig Sekunden und funktionieren auch dann, wenn du vom Gegenstand wenig verstehst.
Was ich daraus für die Praxis ableite
Trotz der Unschärfe lässt sich etwas Brauchbares sagen.
Aktualität hilft, besonders bei Themen, die sich bewegen. In einem Feld wie diesem hier veraltet ein Beitrag mit Zahlen innerhalb von Monaten. Wer eine Zahl nennt, sollte sie pflegen.
Grundsätzliche Beiträge altern langsam. Eine Seite, die erklärt, wie ein Erstgespräch abläuft oder woran man eine seriöse Zusammenarbeit erkennt, ist nach zwei Jahren fast unverändert richtig.
Aktualisieren schlägt Nachlegen, wenn die Zeit knapp ist. Eine bestehende Seite, die bereits Anfragen bringt, um neue Zahlen und ein neues Beispiel zu ergänzen, wirkt zuverlässiger als ein weiterer Beitrag zu einem neuen Thema.
Aktualisiere gezielt, nicht flächig. Nimm die fünf Seiten, die tatsächlich etwas bringen. Der Rest kann liegen bleiben.
Wie ich selbst damit umgehe
Ich schreibe in diesem Blog fast wöchentlich über Zahlen. Dafür habe ich mir eine kleine Regel gegeben.
Jede Zahl, die ich verwende, bekommt drei Angaben mit: wer sie erhoben hat, wann, wie gross die Grundlage war. Wenn ich eine dieser drei Angaben nicht finde, verwende ich die Zahl nicht.
Das klingt streng und es sortiert erstaunlich viel aus. Ein guter Teil dessen, was in diesem Feld zirkuliert, hat keine auffindbare Herkunft. Es sind Zahlen, die von Beitrag zu Beitrag weitergereicht werden, bis niemand mehr weiss, wo sie herkommen.
Zwei Beispiele, die ich selbst nicht belegen konnte: die Behauptung, Perplexity zitiere zu 82 Prozent Inhalte der letzten dreissig Tage, sowie die Vorstellung einer pauschalen Abwertung für KI-Texte, die ich in Schadet KI-Content deinem Google-Ranking? nachgeprüft habe. Beide stehen in vielen Fachbeiträgen. Eine Studie zur ersten habe ich nie gefunden.
Wenn du in Gesprächen mit Anbietern eine Zahl hörst, frag nach diesen drei Angaben. Die Reaktion darauf sagt dir mehr über die Zusammenarbeit als die Zahl selbst.
Was ich damit nicht sage
Ich sage nicht, dass eine der beiden Messungen unseriös ist. Beide sind sorgfältig gemacht und beide sind nützlich.
Was ich sage: Zwei richtige Zahlen können ein falsches Bild ergeben, wenn man sie nebeneinanderlegt, ohne zu prüfen, was sie messen. Das passiert in diesem Feld gerade ständig, oft ohne Absicht.
Die Fähigkeit, das auseinanderzuhalten, ist im Moment mehr wert als jede einzelne Kennzahl. Sie hält länger als alle Werte, die ich hier genannt habe. Die sind in einem Jahr überholt.
